Workshop: Transformative Strategien für nachhaltigeren Konsum

13.06.2019

Joachim von Braun, Zentrum für Entwicklungsforschung (ZEF), Universität Bonn, Leiter der Arbeitsgruppe „Nachhaltiger Konsum”

Mit welchen transformativen Strategien kann nachhaltiger Konsum in, mit und durch Deutschland vorangetrieben werden? Dieser Frage widmete sich ein Workshop der Wissenschaftsplattform Nachhaltigkeit 2030 am 13. und 14. Juni in Berlin. Vertreterinnen und Vertreter aus Wissenschaft, Politik und Praxis tauschten Wissen aus ihren Bereichen aus und diskutierten vorläufige Handlungsempfehlungen für die Politik, welche die wpn2030-Arbeitsgruppe „Nachhaltiger Konsum“ entwickelt.

 „Mit der Agenda 2030 und ihren Sustainable Development Goals (SDGs) hat die Weltgemeinschaft einen guten Rahmen, um nachhaltigen Konsum global voranzubringen“, betonte Joachim von Braun, Leiter der Arbeitsgruppe. „Große Anstrengungen für die Erreichung der Ziele seien von verschiedensten Akteuren in Politik, Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Wissenschaft erkennbar. Konkrete Initiativen können zudem belegen, dass sie erheblichen Einfluss auf ein nachhaltigeres Kaufverhalten haben.“ Gleichzeitig seien die Produktions- und Konsummuster in Deutschland und weltweit insgesamt nicht nachhaltig, und deren negative Folgen, wie etwa Vermüllung der Meere, Klimaeffekte oder ausbeuterische Arbeitsverhältnisse, seien virulent. „Wirksame transformative Strategien für die Erreichung der SDGs werden also dringend benötigt“, so von Braun.

„Wir wissen bereits viel, um eine Wende hin zu nachhaltigerem Konsum anschieben zu können, und haben auch schon einiges erreicht, etwa im Bereich der Sensibilisierung der Verbraucherinnen und Verbraucher“, sagte Lucia Reisch, Professorin für interkulturelle Konsumforschung und europäische Verbraucherpolitik an der Copenhagen Business School. „Aber bei der Umsetzung für eine breitenwirksame Transformation stehen wir weiterhin vor großen Herausforderungen. Beispiel Verkehrspolitik: Wichtige Gesetze stammen noch aus den 1950er-Jahren, sind autozentriert und erschweren die Entwicklung rad- und gehfreundlicher Stadt- und Regionalplanung. Die Transformation muss hier erst einmal durch Änderungen beim Recht und der Infrastruktur ermöglicht werden, dies ist eine riesige Aufgabe – aber machbar, wie es innovative Länder und Städte zeigen.“

Günther Bachmann, Generalsekretär des Rates für Nachhaltige Entwicklung und Mitglied der AG „Nachhaltiger Konsum“ widmete sich der Frage nach der realen, transformativen Kraft von Politik und sozialen Lebensstilen. Mit einem Rückblick auf den Beginn der Nachhaltigkeitsstrategie lobte er die einschlägigen FONA- und NaWiKo-Vorhaben. Die Konsum-Indikatoren der Nachhaltigkeitsstrategie kritisierte er als nicht oder zu wenig transformativ. Er plädierte für ein vertieftes Verständnis für die Rahmenbedingungen von Politik, letztlich um Strategien mehr „Griff“ zu geben. Nächster wesentlicher Schritt sollte die Einrichtung einer unabhängigen Stelle sein, die die Qualität von Siegeln, Eigenmarken und Labeln zur Nachhaltigkeit sicherstellt und verbürgt. Bachmann schloss mit der Forderung nach einer industriepolitische Strategie für nachhaltigen Konsum.

Dass eine Kehrtwende zu nachhaltigerem Konsum möglich ist, verdeutlichten unter anderem Pionierinitiativen aus dem Ernährungs- und Textilbereich, die an dem Workshop teilnahmen. Friederike von Wedel-Parlow vom Beneficial Design Institute, die an der Umsetzung einer Textillinie mit nachhaltigen Materialien gemeinsam mit einem großen deutschen Discounter arbeitet, sagte etwa:  „Mit gemeinschaftlich durchdachten Konzepten, die alle Produktionsaspekte abdecken – von der Entwicklung über Herstellung, Logistik, Vertrieb bis zur Entsorgung – können wir den universellen Nachhaltigkeitsanspruch der Agenda 2030 in allen drei Dimensionen umsetzen.“  Wedel-Parlows Initiative strebt eine Kreislaufwirtschaft an, unter Verwendung schadstofffreier und wenig chemisch/industriell aufbereiteter Materialien. „Das führt insgesamt zu einem risikoärmeren Produktions- und Entsorgungsprozess, der ohne übermäßige Investitionen und Energieeinsatz auch für die Herstellerseite – meist in so genannten Entwicklungsländern –  gut umsetzbar ist und dort für eine ökologische und sozioökonomische Entlastung sorgt“, so Wedel-Parlow. Jedoch:  Die rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen seien in den Ländern sehr unterschiedlich, was die Umsetzung erschwert, zudem müssten auch kulturelle Kontexte berücksichtigt werden.

Von Initiativen für die Förderung von Kreislaufwirtschaft verspricht sich auch die Politik viel, Förderprogramme gibt es auf verschiedensten Ebenen, von der deutschen über die europäische bis zur globalen.  Joachim von Braun gab indes zu bedenken: „Sowohl Kreislaufwirtschaft als auch Bioökonomie seien aber nicht automatisch nachhaltig. Auch hier können Situationen entstehen, in denen ökologische und sozioökonomische Grenzlagen überschritten werden.“ Etwa wenn Kreislauf hohe Energiekosten verursacht oder Anbauflächen für nachwachsende Rohstoffe knapp werden.

Es sei daher wichtig, Modelle für zirkuläres Wirtschaften in Partnerschaft mit Akteuren entlang der gesamten Produktions-, Verarbeitungs- und Entsorgungskette zu entwickeln und  dafür die Möglichkeiten und Herausforderungen bei Produktions- und Recyclingprozessen genau zu eruieren. Hier bestehe weiterhin in vielen Bereichen großer Forschungs- und Innovationsbedarf.  Das unterstrich auch Hugo Maria Schally, Leiter der Abteilung für multilaterale Zusammenarbeit im Umweltbereich der Europäischen Kommission.  Er hob insbesondere die Rolle der Wissenschaft hervor für den Prozess der geplanten Vorlage des zweiten Aktionsplans Kreislaufwirtschaft der EU. Hier biete sich die Gelegenheit, das Thema konkret auch europäisch zu verorten und auszubauen.

Eine weitere drängende Herausforderung, die beim Workshop diskutiert wurde, ist die Vermittlung der Erreichbarkeit von Nachhaltigem Konsums für politische und insbesondere für kommunale Akteure verschiedener Gesellschaftsbereiche. Die Redebeiträge von Corinna Fischer (Öko Institut) und Michael Bilharz (Umweltbundesamt) verdeutlichten, dass die Deutsche Nachhaltigkeitsstrategie und der darin enthaltene Indikator für Nachhaltigen Konsum (CO2-Emissionen privater Haushalte) bereits einen guten Ansatzpunkt biete. Der Indikator könne das Thema konkret machen und Maßnahmen mit bestehenden und erfolgreichen Strukturen – etwa im Klimabereich – verknüpfen. Die Nationale Klimaschutzinitiative habe mit entsprechenden Mitteln den Klimaschutz in den Kommunen bereits voranbringen können – und wenn man diese Initiative zudem mit den Zielen des Nationalen Programms Nachhaltiger Konsum der Bundesregierung verknüpfen würde, könne einiges in den fünf Schlüsselbereichen für Konsum bewegt werden: Mobilität, Fleischverzehr, Wohnen, Bekleidung und Beschaffung von Informations- und Kommunikationstechnologie.

Für jegliche Strategien für Nachhaltigen Konsum müsse stets das hohe Maß an Komplexität und Wechselwirkungen beachtet werden – so lautete ein weiterer Tenor des Workshops, der unter anderem in der Fokusgruppe zum Thema „Konsum als internationale Herausforderung“ diskutiert wurde. Hierfür biete die Agenda 2030 einen guten Rahmen. Denn sie ermögliche einen umfassenden Blick auf Nachhaltigkeitswirkungen von Konsumgütern und verdeutliche mögliche Synergien sowie Zielkonflikte. Stets müssten nicht nur ökologische Wirkungen betrachtet werden (etwa Wasserverbrauch bei gehandelten Konsumgütern), sondern auch soziale (etwa der Anteil von Frauen in der Beschäftigung), sozioökonomische (etwa regionale Entwicklungen) und kulturelle Aspekte. Die Gruppe diskutierte unter anderem bestehende wissenschaftliche Ansätze für die Erfassung globaler Auswirkungen von Konsummustern und kam zu dem Schluss: Bisherige Methoden würden diese Zusammenhänge noch zu wenig greifen, das Spektrum sollte zudem erweitert werden um zusätzliche nachhaltigkeitsrelevante Dimensionen wie etwa Armutsreduzierung, Ungleichheit und Gesundheit zu erfassen.

Vergleichbare Diskussionen fanden zu drei weiteren Themenbereichen statt: Digitalisierung, ethische und sozio-ökonomische Dimensionen sowie eine Diskussion aktueller Entwicklungen und Möglichkeitsfenster seit der Verabschiedung der SDGs 2015. Die vielfältigen Reflexionsbeiträge zu den vorgestellten vorläufigen Handlungsempfehlungen der AG werden nun zu finalen Handlungsempfehlungen weiterentwickelt für die 2020 anstehende Aktualisierung der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie. Teilnehmenden des Workshops sowie weitere Interessierte werden dabei weiterhin eingebunden.

Wenn Sie sich beteiligen möchten, können Sie uns gerne kontaktieren und sind zudem herzlich eingeladen unsere laufende Online-Konsultation zur wissenschaftlichen Kommentierung der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie zu nutzen.

Workshop-Agenda

Liste der Teilnehmenden

Zum Download: Vortragspräsentationen und Dokumentationen von Fokusdiskussionen

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